Gastbeitrag von Arch. A. G. Hempel (www.agh.bz), hier veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors:

 

Wer Südtirol seit 50 Jahren kennt, wie ich, den packt die Wut, wenn er daran denkt, wie gewissenlose Geschäftemacher, sekundiert von willfährigen Politikern das ehemalige Naturparadies Seiseralm in eine befahrbare Sauserwüste verwandeln. Wie sagte die Vorsitzende der Umweltkommission der UN, Gro Harlem Brundland, die damalige norwegische Ministerpräsidentin, schon 1987 so richtig?

 


 

 

 Eine Entwicklung ist nur dann dauerhaft, wenn sie die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt ohne jene künftiger Generationen nicht mehr befriedigen zu können.

 

Daraus entstand der Begriff „Nachhaltigkeit“, der heutzutage von jedem Politiker im Mund geführt wird, auch wenn er sich nicht daran hält – wie die Verwüster der Seiseralm.

 

Die Seiser Alm gehörte einmal zu den landschaftlich schönsten Stellen Südtirols.

Compatsch dagegen wurde zum hässlichsten Dorf in Südtirol – ist das die Zukunft?

 

Darüber würde man hinwegsehen können, wenn nicht der berechtigte Verdacht bestünde, dass die ganze Seiser Alm eines Tages so aussehen könnte - wenn man die Geschäftemacher nur so planlos weitermachen ließe – und sie sind auf dem besten Wege! Genießer und Kenner Südtirols haben sich längst von der Seiseralm abgewandt und haben sich andere Ziele gesucht über die sie aber besser nichts erzählen.

 

Angefangen hat das alles in den 1960er Jahren mit dem so stolz beflaggten aber abgrundhässlichen Europa-Hotel. Aus ihm ist genau das geworden, was zu erwarten war: ein heruntergekommenes Gastro-Lager, in „Residences“ verwandelt und eigentlich abbruchreif, - hoffentlich. Oder auch nicht, denn die Kubatur würde ja dann verlagert, mehr quantitativ als qualitativ erweitert, wahrscheinlich im verkitschten Lederhosen-Jodel-Stil unserer Tage, dem offensichtlichen Durchschnittsgeschmack der Hoteliers und ihrer willfährigen Architekten.

 

Und so scheint es immer weiter zu gehen – jeder will noch rasch ein Stück vom Kuchen Seiser Alm. Die Bäckerei Kastelruth hält dem Druck nicht stand und backt die Baugenehmigungen was das Zeug hält. Etwas mehr darf es für die Großkunden sein, sehr viel weniger jedoch für die kleinen Leute. Hier sollte die Bäckerinnung, sprich die Landesregierung, mehr Kontrolle ausüben, denn die Seiseralm gehört nicht nur der Gemeinde Kastelruth sondern allen Südtirolern und ihren Gästen.

 

Derzeit ist die Goldgräberstimmung noch ungebrochen. Der Tourismus auf der Alm boomt – was nicht unbedingt ein gutes Zeichen für eine zukunftsfähige Entwicklung ist denn die Gäste bleiben genauso schnell wieder weg, wenn die „Destination“ nicht mehr „in“ ist oder genügend abgewirtschaftet wurde. In den vergangenen Jahren hat sich die Anzahl der Gästebetten mehr als verdoppelt, die Zahl der Gästeankünfte verdreifacht. Und schon wird an einer neuen Umlaufbahn von Kastelruth auf den Puflatsch gebastelt. Es ist wirtschaftlicher Selbstmord für die vorhandene Umlaufbahn wenn weiterhin die Fahrt im Auto auf die Seiser Alm möglich ist. Anfragen zum Bau von Tiefgaragen auf der Alm liegen ebenso vor wie zahlreiche Anträge zur Erweiterungen der bestehenden Hotels. Bei allen vermehrt sich wie durch Zauberhand die jeweilige Kubatur und – durch Vergrößerung der Räume und Erhöhung der Sterne - auch wundersam die Bettenzahlen und sehr viel Unterirdisches für Saunen, Erlebnisduschen und Ayurvedaquatsch. Da käme man nicht drum herum, meint die Gemeinde Kastelruth, alles rechtens. Mag ja sein – rechts ist noch lange nicht die richtige Richtung.

 

Aber alle Hoteliers und die von ihnen unter Druck gesetzten und hilflos agierenden Politiker vergessen, dass die Zahlmeister ihrer Geschäfte, nämlich die Gäste, nicht wegen der Autobahn, den verbreiterten Straßen mit Tunnels, den Parkplätzen und Tiefgaragen – auch nicht wegen der Wellnessanlagen, die gibt’s auch im Ruhrgebiet - nach Südtirol kommen sondern wegen der Schönheit der Natur und der Kulturlandschaft, zu der auch die Baukultur gehört. Sie – die guten Gäste und Individualreisenden – kommen wegen der Ruhe und nicht wegen der Events und des Ganzjahrtörggelns. Sie kommen auch nicht um Betten zu füllen, sondern um als Gäste behandelt zu werden. Wenn aber einmal alles verkauft und verbaut ist, dann werden sie woanders hinfahren. Und wenn die Seiseralm nicht mehr Wellness für sich ist, dann werden die Gäste auch nicht wegen der energiefressenden Wellness- und Beautycenter im dunklen Keller neben der Tiefgarage der Hotels kommen.

 

Die Politik ist gefordert sich nicht nur dem Druck der Wirtschaftsinteressen zu beugen sondern ihrer Verantwortung für die gesamte Seiseralm konsequent nachzukommen und ein Leitbild mit einer ganzheitlichen Lösung zu entwickeln. Die Durchwurschtelei für Einzelinteressen bedeutet nämlich eher über kurz als über lang das Ende der Natur- und Kulturlandschaft Seiseralm.

 

Ich kritisiere nicht gern, aber da wo es nötig ist. Als Architekt gin ich lieber konstruktiv und möchte deshalb folgende Vorschläge als 10-Punkte Programm beitragen:

 

1. Das Leitbild für die künftige Seiseralm heißt: AUTOFREI und das konsequent!

 

Was in der Schweiz Zermatt, Saas Fee und andere erfolgreich vormachen kann auch das Konzept für die Seiseralm sein. Damit wird eine neue natur- und ruhebewusste kultivierte Gästeschicht angezogen, und diejenigen die aus ihrem Hotelzimmer ihr Auto unbedingt sehen wollen, müssen eben woanders hinfahren. Klasse statt Masse.

 

2. Die Alm ist voll. Das Leitbild heißt auch absolutes BAUVERBOT und das konsequent. Natürlich ist Renovieren und Instandhalten erlaubt.

 

3. Der Fahrverkehr wird von Kleinbus-Shuttles und von Pferdefuhrwerken bzw. -schlitten ab den Bergstationen der Seilbahnen übernommen.

 

4. Alle Gäste, Hauseigentümer, Hoteliers und Beschäftigten lassen ihre Fahrzeuge im Tal und benutzen ausschließlich die Seilbahnen.

 

5. Warentransporte werden – auch auf der Straße - bis Compatsch geführt und von dort ab einer zentralen Lagerstelle mit den Kleinbussen verteilt. Der Betrieb von landwirtschaftlichen Geräten ist mit entsprechender Schalldämpfung der Motoren gestattet.

 

6. Es werden keine Tiefgaragen auf der Seiseralm benötigt und deshalb auch nicht gebaut.

 

7. Es wird ein architektonischer Strukturkatalog aus den historischen Bauformen der Alm entwickelt, der allen Umbauten verpflichtend zugrunde gelegt wird und Maßstab für die oft in gestalterischen Fragen überforderten Baukommissionen ist.

 

8. Kubaturverlegungen dürfen erst dann realisiert werden, wenn das alte Gebäude  bereits abgerissen wurde.

 

9. Compatsch muss anhand des architektonischen Strukturkatalogs, eines Grünordnungsplans und einer gemeinsamen Freiraumplanung als Visitenkarte der Seiseralm umgestaltet werden um den jetzigen miserablen Eindruck zu mildern.

 

10. Die Entwicklung und Planung für die Seiseralm kann nicht allein der damit sichtlich überforderten Gemeinde Kastelruth überlassen werden. Die Seiseralm ist von regionalem Interesse, das von der Landesverwaltung im Rahmen des übergeordneten Leitbildes gewahrt und konsequent eingehalten und kontrolliert wird.. Es muss endlich Schluss sein mit den Gefälligkeitsgenehmigungen für die wirtschaftlich Einflussreichen.

 

Diese Punkte mögen rigoros klingen. Sie bilden aber die zukunftsfähige Basis für eine nachhaltige Entwicklung und Bewahrung der Seiseralm. Die bisherigen Schutzgesetze mit prinzipiell sinnvollen Regelungen wurden durch die nachfolgenden Dekrete von Politik und Verwaltung immer weiter zu Gunsten der wirtschaftlich Stärkeren aufgeweicht – das selbstzerstörerische Ergebnis liegt trotz aller Bettenfüllerei vor uns. Wenn wir so weiter machen, dann werden uns unsere Kinder und Enkel dafür verfluchen, dass sie den von uns hinterlassenen Schrott wegräumen müssen – siehe Europahotel, vor dem bereits wieder eine riesige Bettenburg gebaut wird. Die Gäste des dort entstehenden Hotels Dialer werden das Vergnügen haben, die direkt an ihren Fenstern vorbeigleitenden Gondeln der Umlaufbahn zu zählen. Man sollte manche Investoren auch vor ihrer eigenen Kurzsichtigkeit bewahren! Aber wenn das Hotel nicht läuft, dann wird es eben als Ferienwohnungen verkauft und dann sind die Rollläden sowieso unten.

 

Eine Bemerkung zum Abschluss:

 

Meine Anmerkungen richten sich nicht gegen die Bauern, durch deren jahrhundertlange Arbeit erst die Kulturlandschaft der Seiser Alm entstehen konnte. Die Bauern haben produziert. Ich wende mich gegen den jetzigen übertriebenen Tourismus der die Landschaft konsumiert – bis nichts mehr von ihrer ehemaligen Schönheit übrig ist.

 

Andreas Gottlieb Hempel

Prof. Dipl.-Ing. Architekt & Publizist

Via Otto von Guggenberg Str. 46

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Mobil +39 349 7969334

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Aktualisiert (Montag, den 03. Mai 2010 um 08:34 Uhr)