„Seit vielen Jahren“, so schreibt der amtierende BM Reichhalter einleitend zur Vorstellung von seinem jüngsten Kinde, dem Kastelruther Kräuterbad, „beschäftigen sich (…) Vertreter von Kastelruth mit neuen Ideen, Konzepten (…), um dem Ort eine wirtschaftliche Perspektive zu geben“. Allenfalls „Teilerfolge“ gesteht der Bürgermeister dieser jahrelangen Arbeit zu: Fragt sich bloß, warum er selbst mit seiner eigenen Arbeit so lange auf sich warten ließ und sie erst jetzt, kurz vor der Gemeinderatswahl als sein persönliches „Überprojekt“ präsentiert.


Alleingänge aber bergen Gefahren: So verwechselt denn unser Bürgermeister auch prompt „soften“ mit „Billig“-Tourismus, „bäuerlich“ mit „authentisch“ und unterstellt, nur ein „Urlaub auf dem Bauernhof“ sei typisch für Urlaub in den Bergen. Unsere Gästeschicht typisiert er zu etwa 100 % als Fans unserer Spatzen... wie er die vielen Wanderer, Skifahrer, Kinder, Langläufer, Italiener, Amerikaner usw. übersehen konnte, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Ja, und dann erklärt Herr Bürgermeister auch noch kurzerhand die unverrückbare Tatsache, dass „kalte“ Betten die teuersten sind, für nichtig.

Auf etwa halbem Wege durch seine Überlegungen zur wirtschaftlichen Zukunft unseres Dorfes findet er, „Hauptakteur solle das Aufhalten in der freien Natur bleiben“, um im nächsten Atemzug seine künstliche, alpine Kräuter-Wellness-Welt aus den Untiefen der kastelrutherischen, touristischen Angebots-Ödnis erstehen zu lassen. Inklusive „Wohlfühlen des eigenen Ichs im Besonderen“. Kryptische Worte im alpinen Kontext.

Die Wahrheit ist, der Herr Bürgermeister weiß es vielleicht nur (noch) nicht: Wir haben sie schon, die alpine Kräuter-Wellness. Und zwar extrem authentisch, traditionell und so etwas von vielfältig; sie ist kostenlos, überall und mit stets grandioser Kulisse, die noch dazu – unbezahlbar! – ständig wechselt. Das ganze Gemeindegebiet ist eine einzige, riesige, traditionelle, alpine Kräuter (aber nicht nur!) Wellness oder besser: Erholungs-Anlage.

Der einzige Haken an der Sache ist: Wir müssen den natürlichen Wert unserer einzigartigen Landschaft (aber auch: Heimat) halt auch erkennen, wertig machen und aus ihr schöpfen, sie hoch- und erhalten, pflegen, auf- und ausbauen….und nicht, wie in des Bürgermeisters fantastischer Vision, das (kostenlose! in Fülle!) Echte hüben aufgeben bis zerstören, um es gleich nebenan künstlich (teuer! in engen Grenzen!) wieder zu „erschaffen“.

Doch, natürlich: Badl-Kultur, überhaupt Kultur, Tradition usw. usf.: Herein spaziert und herzlich willkommen! Bloß: Warum so brachial dreinfahren? Warum nicht vielmehr Vorhandenes fördern, unterstützen, ausbauen, neu und wieder beleben… und des Bürgermeisters „Kräuter-Erlebnis“ über das ganze Gebiet verteilen? Warum künstlich schaffen (meist eh schlecht imitiert), was ja schon da ist - und zwar in unübertrefflicher Qualität?!

Und überdies: Wollen wir wirklich, dass unser Dorfkern von halbnackten, Bademäntel- und Gummilatschen-bewehrten Menschen bevölkert wird?!

Und was, nicht zuletzt, sagen wohl die vielen Hoteliers zu des ersten Kastelruther Bürgers Plänen (ante Gemeinderats-Wahl), die in den letzten Jahren nicht nur Bauernhöfe gekauft, sondern für viel Geld und ihre Gäste „elitäre“ Hotel-Wellness-Anlagen ausgebaut haben? Wie werden die es finden, wenn ihnen – von Amts wegen sozusagen – das Wasser abgegraben und auf andere Mühlen umgeleitet wird?!

Ums „Elitäre“ wird übrigens wohl auch des Bürgermeisters Kräuterbad nicht herumkommen, so er, wie er sagt, mit seinem Projekt und mit Hilfe eines „qualitativ hochwertigen (!) Gästepublikums“ (!) ein höheres Preisniveau anstrebt: Höhere Preise und Qualität sind per se und immer „elitär“: Mit dem Einrichtungsstil hat das wenig bis gar nichts zu tun.

Nichts für ungut, Herr Bürgermeister: Wir erkennen und anerkennen sehr wohl, dass Sie sich Gedanken gemacht haben. So kurz vor der Wahl des neuen Gemeinderats. Wollen wir hoffen, dass Ihre Rechnung aufgeht… die für die bevorstehende Wahl, zumindest.

Mit freundlichen Grüßen Ihre,

Freie Liste, Kastelruth

Notabene: Warum übrigens unser Bürgermeister so grandios über alpine Kräuter-Wellness auf dem Dorfplatz nachdenkt, anstatt darüber zu sinnieren, was er tun könnte, damit seine traditionellen, alpinen Bauern auf ihren Höfen bleiben (können) und nicht an Hoteliers verkaufen (müssen), würde uns auch interessieren.

 (Silvia Rier)

Aktualisiert (Sonntag, den 02. Mai 2010 um 13:54 Uhr)