Am 07. Dezember 2010 hat der Bürgermeister der Gemeinde Kastelruth die Baukonzession für die qualitative Erweiterung des Gasthof „Tirler“ auf der Seiser Alm ausgestellt.

Neben dem „urigen“ Berggasthof im Talschluss von Saltria wird ein eigener Hotelkomplex aus drei Baukörpern errichtet, der die Baumasse des bestehenden Gasthauses ca. um das Dreifache des Bestandes erhöht (Bestand 3.607 m3 –Erweiterung 10.556 m3, davon 7.175 m3 unterirdisch). Die Bruttofläche der Baulichkeiten wächst von ca. 1071 m2 auf 2.319 m2. Mit dem Aushubmaterial wird das anliegende Gelände um bis zu 4 m aufgeschüttet.

Zusätzliche neue Betten (und vierzig Garagenstellplätze) werden mehr Unruhe, Verkehr und Lärm auf die „Innere Alm“ bringen und ein bislang idyllisches Fleckchen („Schönste Almhütte Südtirols 2009“) in ein betriebsames Zentrum verwandeln.

Würde es ein Unwort des Jahres für die Seiser Alm geben, dann wäre dies die „qualitative Erweiterung“. Der Begriff impliziert scheinbar eine Verbesserung des Bestehenden, eine positive Entwicklung, einen Fortschritt im Sinne des „mehr“ und „besser“. Scheinbar.

In Wirklichkeit bedeutet dieses Prinzip, angewandt auf ein Landschaftsschutzgebiet wie die Seiser Alm, dass „immer mehr“ eigentlich „immer weniger“ ist. Der Fortschrittsgedanke nach „mehr, höher, schneller, weiter“ ist an sich ja wertneutral. Mehr Fremdenbetten sind gut, wenn die Betriebe einer Tourismusregion stark ausgelastet sind; wenn sie nicht ausgelastet sind, sind sie überflüssig. Die Steigerung des Bettenangebotes mag ja grundsätzlich als positive Entwicklung betrachtet werden, jedoch verliert sie ihre Berechtigung, wenn dafür andere qualitativen Werte auf der Strecke bleiben wie landschaftliche Schönheit, intakte Umwelt, Ruhe, Heimat, Authentizität.

Es gibt Wichtigeres im Leben als wirtschaftlichen und materiellen Fortschritt, jedenfalls in einer Wohlstandsgemeinde wie Kastelruth. Doch welche Folgen zeitigt diese Erkenntnis bei unseren Entscheidungsträgern in Gemeinde und Provinz? Offensichtlich keine, sieht man von dem bescheidenen Vorschlag des Gemeinderates von Kastelruth ab, die qualitative Erweiterung auf der Seiser Alm künftig auf 40% der bestehenden oberirdischen Baumasse zu begrenzen. Achselzuckend scheint insbesondere die Landespolitik zur Kenntnis zu nehmen, wie die Seiser Alm zunehmend durch weitere Hotelgroßbauten entstellt werden darf, als ob einfach alles so weitergehen müsste, wie es bisher gegangen ist.

Fortschritt und Wachstum, Dynamik und Innovation„ stand vor kurzem im Essay einer Wochenzeitung zu lesen „sind für eine Gesellschaft unverzichtbar, sowohl wirtschaftlich wie sozial. Der Streitpunkt ist nicht ob, sondern wie. Nicht um die Quantität wird gerungen, sondern um die Qualität.“ Die Schlussfolgerung dieses Essays, könnte – umgelegt auf die Seiser Alm – folgendermaßen lauten: Es gibt Zeiten für neue Megahotels und solche für die Belebung der kleinen, gastlichen, authentischen Schwaigen und Berggasthäuser. Wir plädieren für das Letztere. Die rechtliche Lösung wäre denkbar einfach: Es würde genügen, jenen fatalen Passus im Gebietsplan zu streichen, welcher im Landschaftsschutzgebiet die „qualitative Erweiterung von gastgewerblichen Betrieben nach Maßgabe des Art. 107 des Landesraumordnungsgesetzes“ zulässt. Ein kleiner Satz mit verheerender Wirkung.

Lista Urtijëi (Costanzi Alberto, Goller Gerlinde, Goller Martina, Insam Claudia, Irsara Raimond, Schrott Claudia, Urthaler Claudia)

Freie Liste Kastelruth (Heidi Senoner, Christoph Senoner)

Aktualisiert (Montag, den 28. März 2011 um 22:08 Uhr)